Andreas Haupt learn, teach, decide

Debattierfrage: Nicht-Lehrämtler an Schulen

„Sollten Schulen Personen ohne Lehramtshintergrund oder sozialpädagogischen Abschluss, die in der Regel keinen Vertretungsunterricht und ausnahmslos keine No-ten geben, befristet anstellen?“

Begrifflichkeit

Was heißt „Lehramtshintergrund“?

Eine Person hat Lehramtshintergrund, wenn sie einen Studienabschluss im Lehramt oder andere Mindestanforderungen universitärer Studien in Pädagogik sowie Fachdidaktik der Fächer, die die Person unterrichten möchte, hat.

Was heißt „sozialpädagogischer Abschluss“?

Eine Person ist Sozialpädagog*in, falls sie einen Abschluss in Sozialpädagogik oder einem verwandten Studienfach erworben hat.

Was heißt „in der Regel“?

In der Regel heißt, bis auf Ausnahme – und Ausnahme ist hier eng definiert. Schon bei einer monatlichen Vertretung von einer Stunde, die sich aber wiederholt, wird nicht nur in Ausnahmen Vertretungsunterricht gegeben. Was heißt „Vertretungsunterricht geben“? Vertretungsunterricht geben bedeutet, dass die Aufsichtspflicht bei Abwesenheit einer Lehrkraft regulär einer anderen übergeben wird. Insbesondere wird die Vertretungslehrkraft im Vertretungslehrplan als hauptverantwortlich eingetragen.

Was heißt „Noten geben“?

Eine Person gibt Noten oder hat Notenverantwortung, falls Sie für die Konzeption/Erstellung schriftlicher Leistungsnachweise (=Klassenarbeiten/Klausuren) und/oder die Benotung mündlicher Leistungen verantwortlich ist. Notenverantwortung liegt noch nicht vor, wenn die Lehrkraft lediglich Anwesenheit überprüft oder Sanktionen nutzt, die die Schule bietet.

Was ist eine „befristete Anstellung“?

Eine befristete Anstellung ist ein Arbeitsverhältnis, dessen Arbeitsvertrag nach einer Zeit automatisch ausläuft.

Gegenwärtige Regelung bzw. gegenwärtige Situation

An Schule können derzeit verschiedene Personen angestellt werden. Zum einen gibt es Lehrer*innen, die in der Regel im Laufe ihrer Karriere verbeamtet werden. Voraussetzung für eine Verbeamtung ist das Zweite Staatsexamen (Studium + Referendariat) oder eine ähnliche Qualifikation nach einem „Quereinstieg“. Ein Quereinstieg erlaubt ggf. mit Auflagen (es muss weiter studiert werden) den Einstieg in eine Schullaufbahn. Hier ist zu betonen, dass ein Unterrichtsstart im Quereinstieg meist nicht sofort möglich ist, sondern eine Qualifikation erst erworben werden muss. Als zweite Gruppe gibt es Lehrkräfte, die nach einem Tarif-Vertrag des Öffentlichen Dienstes, TV-H, (in der Regel befristet) angestellt sind, und unterschiedliche Qualifikationen haben. Klassische TV-H-Kräfte können Noten geben und müssen eine Qualifikation bei Einstellung nachweisen; zumeist sind dies klassische Lehrkräfte vor ihrer ersten festen Anstellung. Für Personen, die lediglich Vertretungsunterricht geben und Aufsichten übernehmen bestehen in der Regel keine akademischen Anforderungen (bzgl. Studium). Solche Kräfte werden etwa im Rahmen der Unterrichtsgarantie Plus, einer Verordnung, die weitere Personalmittel gegen Unterrichtsausfall bereitgestellt hat, eingestellt. Weitere Angestellten-Gruppen sind Sekretär*innen und Hausmeister*innnen (die weniger Schüler*innenkontakt haben) sowie Schulsozialarbeiter*innen, die in der Regel in geringem Maß an Schule eingesetzt werden (in der Regel weniger als eine Stelle pro Schule).

In der Regel müssen alle Unterrichtsstunden, über die die Schule verfügen kann, in (benotetem) Unterricht vergeben werden. Diese ist auch Grundlage für die Unterrichtsversorgung. Lehrer*innen-Stellen werden zugeteilt nach den Unterrichtsbedarfen von Schüler*innen gemäß der Stundentafel (diese listet die geforderten Stunden benoteten Unterrichts in jedem Fach nach Jahrgangsstufe). Ausnahmen sind Stunden für eine Ganztagsbetreuung und eine geringe Menge an „Deputatsstunden“ (weniger als eine Stunde pro Lehrer*in), die für die Schulleitung und Lehrkräfte mit besonderen Aufgaben verteilt werden. Es gibt auch Förderunterricht (weniger als eine Stunde pro Lehrkraft). Es ist insbesondere hervorzuheben, dass Lehrer*innen keine Entschädigung für AGs oder freiwillige unbenotete Aktivitäten mit Schüler*innen erhalten.

Schulen sind eingeschränkt in ihren Personalentscheidungen. Zwar können Verordnungen des Kultusministeriums in Hessen Schulen ermöglichen, einen Teil einer Sozialpädagogen-Stelle zu erhalten, jedoch können Schulen, die nicht den Status „Selbständige Schule“ haben, sich nicht entscheiden, wie sie Mittel anstatt in Lehrkräfte investieren. Insbesondere müssen aber auch im Fall Selbständiger Schulen Stunden, die für (benoteten) Unterricht vorgesehen sind, auch mit Personen besetzt werden, die Noten geben dürfen (also TV-H mit entsprechender Qualifikation oder Lehrer*innen). Selbständige Schulen können also etwas freier entscheiden, erhalten aber keine zusätzlichen Mittel, sollten sie sich für eine Stelle entscheiden, die keinen (benoteten) Unterricht ermöglicht.

Für befristete Anstellung externer Personen stellt auch das Verbot mehrfacher sachgrundloser Befristungen ein Problem dar. Falls kein zwingender Grund für eine Befristung vorliegt (z.B. dass ein Job wegfällt nach einer gewissen Zeit, wie etwa beim Winterdienst), und eine Stelle dennoch befristet ist, so liegt eine sachgrundlose Befristung vor. In unterschiedlichen Bundesländern gibt es verschiedene Regelungen, die mehrfache sachgrundlose Befristungen bei Anstellung im Öffentlichen Dienst verhindern soll. Diese Regelung gilt, um die Arbeitsplatzsicherheit der betroffenen Personen zu verbessern.

Aktualität der Streitfrage

In Deutschland herrscht ein großer Lehrer*innen-Mangel. In einigen Fächern gibt es immer weniger Personen, die ausreichend qualifiziert sind (im Sinne eines Studiums) um Unterricht zu leiten. Dies führt dazu, dass längere Unterrichtsausfälle bei Erkrankung in bestimmten Fächern nicht mehr verhindert werden können, was den Lernerfolg von Schüler*innen gefährdet.

Als Reaktion hierauf wird der Quereinstieg in den Lehrerberuf deutlich vereinfacht und Anreize für Quereinstiege geschaffen. Gerade im letzten Jahr hat der Freistaat Sachsen das Lehrer*innen-Beamtentum wieder eingeführt (also ermöglicht wieder, das Lehrer*innen Beamt*innen werden) und Verbeamtungen auch für Quereinsteiger*innen angekündigt. Insbesondere an Beruflichen Schulen ist bereits ein wichtiger Anteil des Kollegiums durch Quereinsteiger*innen besetzt.

Auch Inklusion hat mit der Frage nach weiteren Personen ohne Notenverantwortung über Vertretungsunterricht hinaus an Schule zu tun: Inklusion bedeutet, dass an Regelschulen (also Nicht-Förder-Schulen) geistig oder körperlich behinderte Menschen unterrichtet werden. Einige Stunden die Woche werden diese Schüler*innen im Unterricht von Inklusionsbegleiter*innen begleitet, sonst nehmen sie ohne Begleitung am Unterrichtsgeschehen teil.

Schließlich ist auch zu erwähnen, dass in einigen Bundesländern das in der Streitfrage charakterisierte Anstellungsverhältnis stattfindet wird, so etwa in Nordrhein-Westfalen. Die Teach First Deutschland gGmbH vermittelt Personen ohne Lehramtshintergrund und sozialpädagogischen Abschluss befristet an Schule. Die Arbeitsverträge sehen Schüler*innen-Kontakt-Stunden, in der Regel keinen Vertretungsunterricht und ausnahmslos keine Notengebung vor. In der Lesart des Vertrags führt dies oft dazu, dass Personen in diesem Anstellungsverhältnis entweder in Bereichen von Schule außerhalb der Notengebung (Förderunterricht, Nachmittagsbetreuung, AGs) arbeiten, oder sie als weitere Person mit einer Lehrer*in oder einer TV-H-angestellten Person den Unterricht leiten. Relevanz der Streitfrage Die Relevanz der Streitfrage zeigt sich durch drei Trends und eine Frage nach der Rolle: Inhomogenere Klassen, Ganztag und größere Förderkonzepte als Trends und die Loyalität gegenüber dem Staat als Rolle.

Inhomogenere Klassen sind Folge von Inklusion und der Entwicklung, dass zunehmend Nachteilsausgleiche für etwa Lese-Rechtschreibschwäche und Dyskalkulie zugelassen werden sowie der großen Ungleichheit von Lernständen und Sprachkenntnissen, die Schüler*innen vor allem in den nicht-gymnasialen Schulformen bereits in der Grundschule entwickelt haben. Sehr unterschiedliche Sprachniveaus sowie die Teilnahme von Schüler*innen mit Behinderung oder einem Nachteilsausgleich fordert von Lehrer*innen und TV-H-angestellten zunehmend Differenzierung ihres Unterrichts. Das heißt, unterschiedliche Aufgabenstellungen für unterschiedliche Schüler*innen anzubieten.

Auch die Entwicklung hin zu Ganztagsschulen erfordert mehr Personaleinsatz von Personen im Schüler*innenkontakt, aber nicht unbedingt einem Lehramtshintergrund. Hier ist etwa an betreute individuelle Lernzeit oder Förderunterrichte zu denken.

Dies ist auch der dritte Trend, der weitere Forderungen an Lehrer*innen stellt. Förderkonzepte und deren Dokumentation werden zunehmend formalisiert und Förderplangespräche sind vorgeschrieben, bevor bestimmte Noten (unter dem Strich) gegeben werden dürfen. Dies fordert von Lehrer*innen erheblich mehr Zeit.

Bei allen Punkten könnten sich Anstellungsverhältnisse wie das oben skizzierte anbieten – sie stehen aber im Konflikt mit einer althergebrachten Lehrer*innenrolle. Lehrer*innen leisten einen Eid auf die Verfassung und sind loyale Staatsdiener*innen, indem sie die wichtige Aufgabe übernehmen, künftige mündige Bürger*innen zu bilden. Um Bürger*innen zu bilden hat der Staat ein Interesse, angemessene Qualifikationen von seinen Lehrer*innen zu gewährleisten.